Katholisches Osttimor zehn Jahre lang unabhängig

Menschen zählen auf Beistand der Kirche

Von Michaela Koller

DILI, 18. Mai 2012 (Vaticanista/KSZ).- Osttimor, das Land mit dem höchsten christlichen Bevölkerungsanteil in Asien, feiert am 20. Mai mit Staatsgästen den zehnten Jahrestag seiner Unabhängigkeit. „Dieses Vaterland, das Gott euren arbeitsamen Händen anvertraut, muss sich auf diejenigen Werte stützen, ohne die es keine echte Demokratie geben kann“, hatte 2002 der nun selige Papst Johannes Paul II. als Botschaft anlässlich der Unabhängigkeit gesandt. Die Worte verlas Bischof Carlos Ximenes Belo während einer heiligen Messe, mit der die Feierlichkeiten nach einem langen steinigen Weg damals eingeleitet wurden.

Das Regierungsgebäude im Zentrum der Hauptstadt Dili; Foto: Koller

Das Regierungsgebäude im Zentrum der Hauptstadt Dili; Foto: Koller

Am 7. Dezember 1975 waren indonesische Truppen in das Land eingefallen. Auf die Annexion Osttimors folgten 24 Jahre Unterdrückung jeglicher Freiheitsbestrebungen mittels Polizei und Militär. Mindestens 102.800 Osttimoresen kamen durch Verfolgung und Vertreibung ums Leben. Nachdem am 30. August 1999 mehr als 78 Prozent der osttimoresischen Wähler für die Loslösung von Jakarta stimmten, erreichte die Gewalt ihren Höhepunkt. Die indonesische Armee und pro-indonesische Milizen töteten dabei rund 1.500 Zivilisten, Hunderttausende Osttimoresen wurden vertrieben. Sie zerstörten zudem mehr als drei Viertel der gesamten Infrastruktur. Die Gewaltexzesse wurden endlich beendet, als der UNO-Sicherheitsrat Mitte September 1999 eine internationale Truppe entsandte.

Voraussichtlich wird die aktuelle UNO-Mission in Timor Leste, wie das Land offiziell heißt, Ende dieses Jahres auslaufen. Der gerade abgewählte Präsident José Ramos-Horta dankte noch im Februar in einer Rede vor den Vereinten Nationen der internationalen Staatengemeinschaft, die von September 1999 bis Mai 2002 das Land regierte. Gerade sind die dritten Präsidentschaftswahlen weitgehend friedlich abgeschlossen worden, aus denen der ehemalige Armeechef Taur Matan Ruak als Sieger hervorging. Im Juni wählen die Osttimoresen ihr nächstes Parlament und wenn diese Wahlen insgesamt ruhig verlaufen, dürfte auch dem Abzug der UNO nichts mehr im Weg stehen.

Die meisten Menschen in Osttimor leben von dem, was sie selbst um ihr Haus herum anpflanzen können. Vielerorts fehlt es noch immer an Essentiellem: feste Straßen, Strom, Wasser, Handynetz. Auch eine erste tiefe Krise mit Straßenkämpfen im Jahr 2006 hatte das Land ebenso zu überstehen, wie ein Attentat auf den Präsidenten José Ramos-Horta am 11. Februar 2008, bei dem dieser schwer verletzt wurde. Trotzdem ist der Staat, in dem sich mehr als 90 Prozent der Bevölkerung zum Katholizismus bekennt, nicht gescheitert.

„Vieles ist in Osttimor in den jüngsten Jahren erreicht worden, das Land hat unzweifelhaft Fortschritte gemacht“, resümiert Osttimor-Expertin Monika Schlicher im Gespräch mit der Katholischen Sonntagszeitung. Sie überwacht als Hauptamtliche für die Organisation Watch Indonesia Menschenrechte, Demokratie und Umwelt in Indonesien und Osttimor. Schließlich habe Osttimor seinen Staat ganz neu aufbauen müssen. „Die Politiker haben verstanden, dass die Bevölkerung Sicherheit und Frieden sucht.“ Aber es gebe noch keinen Anlass, mit Superlativen um sich zu werfen, warnt Schlicher.

Sie sieht vor allem einen Mangel an Gerechtigkeit als Stolperstein auf dem Weg zu einem stabilen demokratischen Rechtsstaat. Die schwersten Verbrechen vom September 1999 sind noch nicht gesühnt. Die Hauptverantwortlichen für die Verbrechen gegen die Menschlichkeit in den Jahren 1975 bis 1999 sind ebenso niemals vor ein Gericht gestellt worden. Sie sitzen in Indonesien und werden nicht ausgeliefert. „Die beiden Regierung haben sich darauf verständigt, dass es für diese Leute keine weitere Strafverfolgung gibt, weil ihnen gute nachbarschaftliche Beziehungen vielversprechender erscheinen.“

Die indonesische Regierung sollte aber aufgefordert werden, Osttimor bei der Suche nach Verschwundenen zu helfen, Hinweise auf Massengräber etwa weiterzuleiten. Die Gesetzesvorlage für die Errichtung eines Instituts des Erinnerns mit einer Abteilung für die Suche nach Verschwundenen liegt dem Parlament schon seit zwei Jahren vor. „Es macht sich Unmut in der Bevölkerung breit, weil viele das Gefühl haben, dass ihr Einsatz für die Unabhängigkeit im unabhängigen Osttimor nicht anerkannt wird.“

Um der Wahrheit zur Ehre zu verhelfen, ist die Ortskirche selbst stark für Gerechtigkeit eingetreten. Priester und Bischöfe waren während der indonesischen Zeit unmittelbar Zeugen geworden, wie die Besatzungsmacht die Unabhängigkeitsbewegung durch Einschüchterung, Folter und Mord verfolgte. So ereignete sich etwa bereits 1981 an einer Pilgerstätte in Lacluta im Zentrum des Landes, die dem Heiligen Antonius geweiht war, ein Massaker an 500 Frauen und Kindern. Der damalige Bischof von Dili, Martinho da Costa Lopes, beschuldigte die indonesischen Streitkräfte des Massenmordes und trug dies auch dem damaligen indonesischen Diktator Suharto vor. Durch seinen Einsatz fühlten sich viele Timoresen von der Kirche verstanden, ebenso wie durch das mutige Eintreten seines Nachfolgers Carlos Ximenes Belo, der Beweise für die Menschenrechtsverletzungen in seiner Heimat sammelte und dafür 1996 zusammen mit José Ramos Horta den Friedensnobelpreis erhielt: Der Anteil der Katholiken stieg in dieser Zeit von 30 Prozent im Jahr 1975 auf 98 Prozent im Jahr 1999.

Die Menschen suchten in den Kirchen Zuflucht vor den Übergriffen pro-indonesischere Milizen und indonesischem Militär, waren aber letztlich auch dort nicht sicher. Am 6. April 1999 hielten sich 2.000 Timoresen in der Kirche der Ortschaft Liquica auf. Mit Tränengas trieben die Milizen sie zunächst vom Gelände, um sie dann anzugreifen. Bei dem Massaker kamen 60 bis 100 der Schutzsuchenden ums Leben. Das Militär schaffte die Leichen fort. „Bis heute wissen Angehörige nichts über deren Verbleib, und – wie Angehörige anderer Opfer der Verfolgung – warten sie noch auf Reparationen“, sagt Schlicher. Ein Gesetzesentwurf über die Entschädigung von zivilen Opfern harrt noch seiner Abstimmung im Parlament. Derweil ist es die Kirche, die den Menschen wieder nahe ist: Die Jahrestage von Gräueltaten begehen die Menschen gerne mit heiligen Messen im Gedenken an die Toten. „Die Menschen erwarten jedoch mehr, sie brauchen auch ein deutliches politisches Wort der Kirche zur Unterstützung ihrer Forderungen.“

[Erstveröffentlichung: © Katholische Sonntagszeitung, 19./20. Mai 2012]

 

 

 

Veröffentlicht unter Religionsfreiheit - Menschenwürde | Kommentare deaktiviert

Indonesien: Kirchen auf Aceh geschlossen

Im bevölkerungsreichsten islamischen Land schreitet Islamismus voran

KELKHEIM, 18. Mai 2012 (Vaticanista).- Die Regierung der indonesischen Provinz Aceh geht mit Kirchenschließungen scharf gegen Christen vor, wie das christliche Hilfswerk Open Doors in Kelkheim berichtet. Offenbar soll damit die christliche Präsenz eingedämmt werden. Anfang Mai schloss die Provinzregierung 17 Kirchen fünf verschiedener Denominationen, sowohl protestantische als auch katholische. Von den 33 Provinzen des größten muslimisch geprägten Landes der Welt gilt ausschließlich in Aceh seit 1999 das islamische Recht. Eine Sondereinheit der Polizei stellt die Einhaltung der Scharia sicher.

Die umfangreichen Kirchenschließungen am 3. Mai sind laut der Quelle von Open Doors “beispiellos” in Indonesien. “Obwohl diese Kirchen keine offizielle Genehmigung haben, existieren einige bereits seit 20 oder 30 Jahren”, so ein Pastor aus Aceh. Folgende Kirchen sind betroffen: Gereja Misi Injili Indonesia (GMII), Gereja Kristen Pakpak Dairi (GKPPD), Kampong Napagaluh Catholic Church, Gereja Jemaat Kristus Indonesia (GJKI) und Huria Kristen Indonesia (HKI). In den kommenden Wochen sollen die Gottesdienste in den Häusern von Gemeindemitgliedern weitergeführt werden. Vertreter der katholischen Kampong Nagapaluh Kirche protestierten am 4. Mai mit einem Schreiben an die Beamten der katholischen Abteilung beim Amt für religiöse Angelegenheiten. Darin betonen sie, dass die katholische Kirche bereits seit dem Jahr 1974 in der Region präsent sei.

Die letzte Baugenehmigung für eine Kirche auf Aceh stammt aus dem Jahr 2004. Ein gemeinsamer Ministerialbeschluss zu Anbetungsstätten wurde vom Ministerium für religiöse Angelegenheiten im März 2006 ratifiziert, um religiöse Aktivitäten und den Bau von Anbetungsorten für religiöse Minderheiten zu regulieren. Die Ursprungsfassung geht zurück auf das Jahr 1969, als die Zahl der Übergriffe gegen religiöse Minderheiten alarmierend angestiegen war. Mit dem Erlass sollten die Angriffe auf die Minderheitengruppen, darunter Christen, verringert werden. “Doch in Wirklichkeit wurde die Verordnung für lokale Regierungen zur Rechtsgrundlage, um Kirchen zu schließen oder sogar Gemeinden anzugreifen”, sagte ein örtlicher Christ.

Neben dem Ministerialbeschluss von 2006 berufen sich die Lokalbehörden auch auf ein Abkommen vom Oktober 2011 zwischen muslimischen und christlichen Gemeinschaften der drei Unterbezirken Kecamatan Simpang Kanan, Kecamatan Gunung Meriah und Kecamatan Danau Paris. “Das Papier gesteht den Christen lediglich eine Kirche und vier Kapellen zu”, erklärt Baron Ferryson Pandainga, Vorsitzender des katholischen Gemeindebeirates in Aceh einer örtlichen Zeitung. “Derzeit gibt es jedoch in den betreffenden Unterbezirken 22 Kirchen.”

Indonesien mit seinen 242 Millionen Einwohnern ist weltweit das Land mit den meisten Muslimen. Die Mehrheit von ihnen lebt ihren Glauben tolerant. Nahezu zwei Prozent folgen aber einer strengen Ausübung des Islam nach arabischem Vorbild. Gleichzeitig leben in Indonesien mehr als 36 Millionen Christen , 14 Prozent der Bevölkerung. Auf dem Weltverfolgungsindex von Open Doors, aus dem Tendenzen abzuleiten sind, rangiert Indonesien auf Platz 43 in der Liste der Länder, in denen Christen am stärksten verfolgt und benachteiligt werden.

 

Veröffentlicht unter Nachrichten, Religionsfreiheit - Menschenwürde | Kommentare deaktiviert

“Wir dürfen die Kirche nicht in ihrem Haupt manipulieren”

Botschaft von Papst Benedikt XVI. zum 98. Deutschen Katholikentag in Mannheim

MANNHEIM, 16. Mai 2012 (Vaticanista).- Papst Benedikt XVI. hat die Gläubigen in Deutschland anläßlich der Eröffnung des 98. Katholikentags in Mannheim dazu aufgerufen, sich immer wieder auf Christus auszurichten. Zugleich warnte er: “”Wir dürfen die Kirche nicht in ihrem Haupt manipulieren.” Im Folgenden dokumentiert Vaticanista des Wortlaut der Botschaft.

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

„Einen neuen Aufbruch wagen” – unter diesem Leitwort versammeln sich in diesen Tagen zahlreiche Gläubige zum 98. Deutschen Katholikentag in Mannheim. In Verbundenheit grüße ich euch alle, die ihr zur feierlichen Eröffnung auf dem Marktplatz im Herzen der Stadt zusammengekommen seid. Mein besonderer Gruß gilt dem Erzbischof von Freiburg und Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Dr. Robert Zollitsch, den anwesenden Kardinälen und Bischöfen sowie dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken, das gemeinsam mit dem Erzbistum Freiburg Gastgeber dieses Katholikentages ist. Ebenso grüße ich die Vertreter der Ökumene, des öffentlichen Lebens und alle, die über die Medien mit euch verbunden sind. Bei dieser Gelegenheit erinnere ich mich gerne und mit großer Dankbarkeit an meinen Pastoralbesuch im vergangenen Jahr in unserem Heimatland und an die vielen bereichernden Begegnungen mit Menschen aus allen Teilen der Bevölkerung bei diesem großen Fest des Glaubens.

„Einen neuen Aufbruch wagen“ steht über eurer Zusammenkunft in Mannheim. Was will uns dieses Wort eigentlich sagen? Aufbrechen heißt sich in Bewegung setzen, sich auf den Weg machen. Vielfach ist damit aber auch eine Entscheidung zur Veränderung und Erneuerung mitgemeint. Aufbrechen kann nur, wer bereit ist, Altes zurückzulassen und sich auf Neues einzulassen. Was aber bedeutet dies dann für die Gemeinschaft der Kirche, die nach dem Apostel Paulus der geheimnisvolle Leib Christi ist? Christus ist das Haupt, und wir sind die Glieder. Wir dürfen die Kirche nicht in ihrem Haupt manipulieren, sondern wir selbst sind gerufen, uns immer wieder neu als Glieder am Haupt, am „Urheber und Vollender“ unseres Glaubens (vgl. Hebr 12,2) auszurichten. Erneuerung trägt nur Frucht, wenn sie aus dem wirklich Neuen von Christus her geschieht, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist (vgl. Joh 14,6). So betrifft Aufbruch jeden Gläubigen persönlich und zuinnerst. Durch die Taufe sind wir neu in Christus. Der Herr hat unser Menschsein von der Knechtschaft der Sünde befreit und „aufgebrochen“ für die lebensspendende Beziehung mit Gott. Dieses von Gott her geschenkte Aufbrechen muss daher immer wieder ein persönliches Aufbrechen zu Gott hin werden. Jeder hat sich um seinen persönlichen Glauben zu bemühen, ihn konkret zu leben und ihn weiterzuentwickeln. Aber in unserem Glauben sind wir nicht allein, isoliert von den anderen. Wir glauben mit und in der Gemeinschaft der Kirche. Aufbruch jedes Getauften ist zugleich Aufbruch in und mit der Kirche!

Zu allen Zeiten gab es Menschen, die diesen Aufbruch gewagt haben und in denen sich die Gegenwart Gottes besonders deutlich gezeigt hat. Das Glaubenszeugnis der Heiligen und der großen Schar von Christen, die froh und unerschrocken die Botschaft des Evangeliums ihren Mitmenschen verkündet haben, kann uns auch heute Mut machen zu einem neuen Aufbruch, uns anspornen zu einem neuen Mut des Glaubens. Die Heilige Schrift und die Geschichte der Kirche kennen eine Vielzahl von Menschen, denen das Allgemeinübliche ihrer Zeit nicht genügte, ja nicht genügen konnte. Mit unruhigem und offenem Herzen waren sie fähig, in ihrem Leben und in den Anforderungen des Alltags den „Heraus-Ruf“ Gottes zu vernehmen. Nicht menschliche Unbeständigkeit ließen sie aufbrechen, sondern die Sehnsucht nach Wahrheit und das Hören auf Gottes Wort. Wahrer Aufbruch, so zeigen sie uns, besteht im Gehorsam und Vertrauen gegenüber Gottes Weisung und Ruf. Wer sich von Gott angeredet weiß und aus diesem Dialog mit Gott heraus sein Leben gestaltet, überwindet Enge und Ängstlichkeit und kann so „Rede und Antwort geben von der Hoffnung, die ihn erfüllt“ (vgl. 1 Petr 3,15). Ein Sohn der Stadt Mannheim, der Jesuitenpater und spätere Märtyrer Alfred Delp, schildert uns in einer Betrachtung, die er wenige Wochen vor seinem Tod geschrieben hat, jene Menschen, die unter dem Anruf Gottes aufbrechen und sich auf den Weg zu machen wagen: „Es sind dies die Menschen“, so schreibt er, „mit den unendlichen Augen. Sie haben Hunger und Durst nach dem Endgültigen; richtig Hunger und Durst. Sie sind der entsprechenden Entschlüsse fähig. Sie ordnen das Leben seinen Endgültigkeiten unter. Suchende, fahrende Menschen sind sie geworden, weil sie dem inneren Ruf und dem äußeren Zeichen – das sie ohne den innerlichen Hunger und die gespannte Wachheit nie bemerkt hätten – mehr glaubten als der sicheren und behaglichen Sesshaftigkeit“ (Im Angesicht des Todes, 97 f.).

Liebe Schwestern und Brüder! Der Katholikentag ist in einer Stadt zu Gast, in der sich eine schier unübersehbare Vielfalt von Ideen und Auffassungen, von Lebensentwürfen und Religionen findet. Das Wagnis eines neuen Aufbruchs bedeutet in einer solchen Umgebung, ihre Chancen und Gefährdungen zu erkennen und Räume echten Miteinanders zu schaffen. Denn nur eine Menschheit, in der die „Zivilisation der Liebe“ herrscht, wird sich eines wahren und bleibenden Friedens erfreuen können. Als Kirche haben wir den Auftrag, den Anspruch und die Botschaft des Evangeliums offen und klar zu verkünden. Der Beitrag aller Getauften zur Neuevangelisierung ist unerlässlich. Auch unser Land braucht einen neuen missionarischen, apostolischen Aufbruch.

Ein besonderes Wort möchte ich den Jugendlichen und jungen Erwachsenen widmen. Vielen von euch durfte ich im vergangenen Jahr beim Weltjugendtag in Madrid und einige Wochen später bei der Vigilfeier in Freiburg begegnen. Wer wie ihr sein Leben noch vor sich hat, ist immer wieder gefordert, Entscheidungen zu treffen und auch bei Enttäuschungen wieder aufzustehen und kraftvoll Zukunft zu gestalten. Habt den Mut, euch an Jesus Christus zu orientieren! Stärkt euch gegenseitig im Glauben! Steht in eurem Freundeskreis, in Schule und Beruf für die Botschaft des Evangeliums ein! Wie Christus die Kirche liebt (vgl. Eph 5,25), wollen auch wir die Kirche lieben. Ja, identifiziert euch mit der Kirche, weil sich Christus mit der Kirche identifiziert, weil sich Christus mit uns identifiziert! Schöpft aus dem Leben und aus der Wahrheit, die uns Christus in der Kirche schenkt! Wir alle wollen diesen Schatz der Liebe Gottes den Menschen in unserem Land bringen. Auf sein Wort hin wollen wir aufbrechen (vgl. Lk 5,5) und so Gottes Aufbruch zu uns Menschen erwidern.

Der 98. Katholikentag bildet gewissermaßen einen Auftakt zum Jahr des Glaubens, das wir in Kürze anlässlich des fünfzigsten Jahrestages der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils beginnen werden. So mögen diese Tage zu einem Glaubensfest werden und mithelfen, den Glauben der Kirche in seiner Schönheit und Frische wiederzuentdecken, ihn sich aufs Neue und immer tiefer anzueignen wie auch in eine neue Zeit hinein zu verkünden. Mit diesem Wunsch lege ich den Verlauf des Katholikentages in Gottes Hände und erteile euch allen von Herzen den Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 14. Mai 2012

BENEDIKTUS PP. XVI

Veröffentlicht unter Nachrichten, Vatikan | Kommentare deaktiviert

„Den Glauben haben wir aus Schlesien mitgebracht“

Gottesdienstbesuch an Werktagen untersucht

WÜRZBURG, MÜNCHEN, 18. Mai 2012 (Vaticanista).- Die katholische Zeitung Die Tagespost hat anläßlich des Katholikentags in Mannheim 14 Journalisten beauftragt, Kurzreportagen über Gottesdienste in Deutschland zu schreiben. Das Ziel war, die Realität der Nutzung an Werktagen zu dokumentieren. Der 16-Stunden-Report erschien in der Ausgabe am Mittwoch. Vaticanista-Gesamtkoordinatorin Michaela Koller war angeboten worden, über ein Rosenkranzgebet zu berichten. An der originellen Idee beteiligte sie sich gerne.

Seit der Gründung der Pfarrei St. Sebastian 1929 im Münchner Norden versammeln sich an jedem Werktag Gläubige zum Rosenkranzgebet. Anfang der achtziger Jahren sollen noch mehr als 20 Betende zusammen gekommen sein: „Wir sind seit mehr als 30 Jahren hier mit dabei“, sagt eine ältere Dame an diesem Montagnachmittag und deutet dabei auf sich und den weißhaarigen, still lächelnden Herrn an ihrer Seite, ihr Ehemann, wie sich herausstellt. Auf die Frage nach ihrem Namen winkt sie ab: „Wir wollen kein Aufsehen. Wir sind nur hier, um die Jungfrau Maria zu ehren.“ Seit sie in das Pfarrgebiet gezogen sind, zählen sie zu den Stützen des Rosenkranzgebetskreises. „Mein Mann ist ja schon ein älterer Herr; er ist Jahrgang 1923.“ Eine weitere Teilnehmerin sei zudem schon 96 Jahre alt. Auf die Frage, was ihnen die Kraft für diese Ausdauer gebe, unterbricht sie das Gespräch abermals. „Wir fangen jetzt an.“

Es sind noch fünf Minuten, die bis zum angekündigten Beginn bleiben. Seit zehn Minuten kniet als erste aus der Runde eine grauhaarige Frau im roten Strickpullover ganz vorne links. Ab und zu hebt sie ihren Kopf, blickt in Richtung der Christusdarstellung auf dem ovalen, goldenen Bild im sonst sehr schlichten Altarraum. Nach und nach kommen noch vier weitere Frauen ihres Alters in die erste Bankreiche. Dahinter bleibt alles frei an diesem Nachmittag in der größten Pfarrei des Dekanats München-Innenstadt.

Schließlich haben sich auch die beiden am Eingang Befragten jeweils ins stille Gebet versenkt. „Wir fangen um Viertel nach an“, durchbricht eine Frauenstimme den Moment des Sich-Sammelns. Die Teilnehmenden, über die beiden ersten Sitzreihen verteilt, stehen auf. Im hohen Kirchenschiff hallen ihre Stimmen laut wider, lassen sie zu einer Stimme verschmelzen, mit einer einzigen Melodie die Worte des Freudenreichen Rosenkranzes wiedergeben. Das Gebet tragen sie nach der Einleitung zum ersten Gesätz im Wechsel vor: „…den du, o Jungfrau vom heiligen Geist empfangen hast“.

Ein junger Mann mit dunkelbraunem Haar, der nicht einmal 30 Jahre alt sein dürfte, eilt leise herbei und kniet, einen schwarzen Rosenkranz in der Hand, in der dritten Reihe. Montags beginnt das Gebet schon eine Dreiviertelstunde früher als an den anderen Werktagen, vielleicht zu früh für einen Mann im aktiven Berufsalter. Auch die Antwort auf diese Frage bleibt aus: „Ich bin seit einigen Monaten, seit Dezember dabei“, verrät er noch im Anschluss, bevor er forteilt. Eine ältere Dame mit einem burschikosen Haarschnitt, nach der Bedeutung der Zusammenkunft im Gebet befragt, weicht ebenfalls aus und verweist auf die zum Beginn befragten Eheleute. Ohne ihren Namen nennen zu wollen, gibt sie aber eine Erklärung, dabei auf das Paar deutend: „Wissen Sie, wir haben ja den Glauben aus Schlesien mitgebracht. Als Kinder sind wir im Rosenkranzmonat Oktober jeden Tag zur Andacht gegangen.“ Diese Tradition hat sie nicht nur ein Leben lang bis ins Alter bewahrt, sondern auch noch ausgebaut, im täglichen Gebet in St. Sebastian. „Nur wenn wir gerade krank sind, dann kommen wir natürlich nicht her“, sagt sie.

[Erstveröffentlichung: Die Tagespost, 16. Mai 2012]

 

 

Veröffentlicht unter Bewegungen - Initiativen, Nachrichten | Kommentare deaktiviert

Das denkende Herz Harnoncourt

Preisverleihung in München

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 11. Mai 2012 (Vaticanista).- Die Romano-Guardini-Preisverleihung hätte eine weitere von zahlreichen Ehrungen werden können, die der Dirigent Nikolaus Harnoncourt bereits verliehen wurden: Die Festgäste in der Katholischen Akademie am Donnerstag in München erlebten jedoch laut Kardinal Reinhard Marx „eine bewegende Stunde“. Es war zudem ein Abend der Bekenntnisse. „Mich hat immer fasziniert, wie eng Nikolaus Harnoncourt Glaube, Religion und Kunst zusammen sieht“, begründete Akademiedirektor Florian Schuller die Auszeichnung und zitierte dessen Botschaft „Die Kunst ist eben keine hübsche Zuwaage, sie ist die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet, sie garantiert unser Mensch-Sein.“

Wie zentral diese ist, erfuhren die Zuhörer vom Laudator, dem Grazer Liturgiewissenschaftler Professor Philipp Harnoncourt, der als Bruder des Musikers eine sehr persönliche und gleichermaßen leidenschaftliche Rede hielt, bei deren Vortrag ihm zweimal fast vor Rührung die Stimme versagte. Sowohl für den Träger als auch den Namengeber des Preises sei der Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal „in gleicher Weise aufregend und fesselnd“ gewesen. Sein Bruder habe von ihm den Begriff „Das Denkens des Herzens“ übernommen.

Dieses Organ erfasse laut Pascal Wert, Sinn und Wahrheit, sei Ort der Erleuchtung durch den Geist und die Gnade der Offenbarung, Sitz der Liebe und Ankunftsplatz der Liebe Gottes. „Das Herz in solchem Verständnis braucht und hat seine ‘Sprache’, und das kann nur – wenn es nicht das Schweigen ist – eine über alle verbalen Möglichkeiten hinausgreifende Sprache sein, die große Kunst“, sagte Harnoncourt weiter. Als Beispiele nannte er Poesie, Architektur, Bilder und Musik, wobei letzterer, weil auf jedes stoffliche Material verzichtend ein besonderer Rang zukomme.

Der Grazer Geistliche sagte über seinen Bruder, den er als Kulturphilosoph bezeichnete: „Er ist ein wahrhaft ‘Berufener’, und er weiß das auch. Was er getan hat und immer noch tut, muss er tun, und er muss es so tun, wie es seiner Überzeugung entspricht. In aller Radikalität, ganz im wörtlichen Sinn: ausgehend von den tiefsten Wurzeln.“

„So eine wunderbare Veranstaltung, das habe ich noch nicht erlebt, vom ersten Ton an“, reagierte der Geehrte ebenfalls gerührt, dessen Familie unter den Gästen stark vertreten war.“ Er zitierte daraufhin Ludwig van Beethoven mit dem Bekenntnis, religiöse Erlebnisse bei seinen Hörern hervorrufen und dauerhaft machen zu wollen.

„Nikolaus Harnoncourt hat auch zu meiner Herzensbildung beigetragen“, räumte der Münchner Erzbischof Kardinal Marx ein. Das musikalische Tiefenwirkung des Weltstars betonte im Anschluss an den Festakt auch eine Musikerin im Gespräch mit Vaticanista: „Harnoncourt ist mein eigentlicher Lehrer, der mein musikalisches Denken wirklich geprägt hat. Das denkender Herz, von dem sein Bruder in der Laudatio sprach, das ist er wirklich“, sagte Charlotte Geselbracht, die unter ihm im Chamber Orchestra of Europe Bratsche gespielt hat.

Zur Person

Im Dezember 1929 in Berlin geboren, verbrachte der österreichische Dirigent aus dem Geschlecht der luxemburgisch-lothringischen Grafen de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt seine Kindheit und Jugend in Graz. Schon früh künstlerisch ambitioniert, absolvierte Harnoncourt das Cellostudium an der Wiener Musikakademie und wurde1952 als Cellist bei den Wiener Symphonikern aufgenommen.

Ein Jahr später gründete er gemeinsam mit seiner Frau Alice den Concentus Musicus Wien, um seiner immer intensiveren Arbeit mit Originalinstrumenten und der musikalischen Aufführungspraxis von Renaissance- und Barockmusik ein Forum zu geben. Nikolaus Harnoncourt sammelte historische Instrumente und entwickelt parallel zum Musizieren und Dirigieren auch in musikphilosophischen Schriften seine Analysen der „Musik als Klangrede“. Es sind dies heute Standardwerke der historischen Aufführungspraxis.

Von 1972 an unterrichtete Nikolaus Harnoncourt Aufführungspraxis und historische Instrumentenkunde als Professor am Salzburger Mozarteum. Parallel dazu wuchs sein Erfolg als Operndirigent. Nach seinem Debüt am Theater an der Wien mit Monteverdis „Il ritorno d’Ulisse in patria“ 1971 folgt der inzwischen legendäre Zyklus von Monteverdis Musiktheaterwerken, zusammen erarbeitet mit dem Regisseur Jean-Pierre Ponelle am Opernhaus Zürich, ein weltweit als sensationell betrachteter Durchbruch. Mit Auftritten wie beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker erreicht er ein Millionenpublikum.

Zum Preis

Der Romano-Guardini-Preis wird seit 1970 in Erinnerung an Romano Guardini (1885 – 1968), einen der bedeutendsten katholischen Gelehrten des 20. Jahrhunderts verliehen. Er umfasst eine Silbermedaille mit dem Portrait Guardinis und ein Preisgeld von 10.000 Euro. Die Akademie zeichnet mit dem Preis Persönlichkeiten aus, die sich im Sinne Guardinis hervorragende Verdienste um die Interpretation von Zeit und Welt auf verschiedenen Gebieten des Lebens erworben haben. „Nikolaus Harnoncourt ist nicht nur ein Dirigent von Weltrang, er ist auch Musikphilosoph, Denker und Deuter von Welt“, begründete die Akademie ihre Entscheidung in diesem Fall.

 

Veröffentlicht unter Lebenszeugnisse, Nachrichten | Kommentare deaktiviert